»Pokern ist kein Glücksspiel, sondern ein Geschicklichkeitsspiel« |
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»Pokern ist kein Glücksspiel, sondern ein Geschicklichkeitsspiel«
Der ehemalige Wolfsburger Simon Anderson pokert um große Beträge

Mit Pius Heinz hat ein Deutscher 2011 die World Series of Poker gewonnen – ein Vertreter der neuen Generation Poker-Spieler, die ihre Taktiken im Internet gelernt haben. Dabei ist Poker inzwischen derart populär geworden, dass selbst Stefan Raab gegen den 22-jährigen Pius Heinz im TV angetreten ist. Doch ein Sieg bei der World Series of Poker ist extrem unwahrscheinlich, da man bei jedem Spiel alle Chips abräumen muss. Dagegen kann man mit einer eher auf Quantität abzielenden Spieltaktik tatsächlich regelmäßig Gewinne erzielen, so der 25-jährige Pokerprofi Simon Anderson, der auch einige Zeit in Wolfsburg lebte. Im Gespräch verrät er, wie sich mit Online-Poker Geld verdienen lässt.
Simon, wie verlief dein bisheriger beruflicher Werdegang?
Aufgewachsen bin ich nahe München, dort habe ich das Gymnasium besucht und 2006 abgeschlossen. Danach absolvierte ich einen so genannten Anderen Dienst im Ausland (ADIA, Zivilersatzdienst) für 12 Monate in einem Kindergarten in einer Poblacion (Armenviertel) in Santiago de Chile. Die dortige Armut und insbesondere der immense Unterschied der Leute in den Armen- und Reichenvierteln haben mich berührt. Chile ist ein Paradebeispiel für ein Land mit neoliberaler Wirtschaftspolitik mit wichtiger Infrastruktur in privater Hand. Damals habe ich die Zusammenhänge noch nicht verstanden, wie ein so kleiner Teil der Bevölkerung in einem eigenen Viertel nach Schweizer Maßstäben lebt, während der Großteil keinen Zugang zu guter Bildung oder Gesundheitsversorgung hat. Die Suche nach Antworten führte mich zu meiner nächster Station: ein Studium der VWL. Ich wählte Maastricht in den Niederlanden, da das Studium dort auf Englisch angeboten wurde und einen internationalen Eindruck machte. Dieses Jahr im Juni habe ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen und darf mich jetzt Bachelor of Science in Economics nennen. Im Januar dieses Jahres lernte ich meine jetzige Freundin kennen, die ihren Abschluss 2012 macht. Da sie Kanadierin ist, bin ich vorerst nach Montreal gezogen und wohne jetzt in einer kleinen Wohnung mit ihr und unseren zwei Hunden. Zur Zeit spiele ich Poker, habe endlich Zeit Thai-Boxen zu trainieren und werde hoffentlich bald auch mit dem Französisch lernen anfangen.
Wie bist du zum Pokern gekommen?
2006 wies mich ein Online-Freund, mit dem ich schon seit vielen Jahren das Echtzeitstrategiespiel „Starcraft Broodwar“ spielte, auf die Möglichkeit hin, mit den selben Fähigkeiten, die schon bei unseren gemeinsamen Spielrunden entscheidend waren, richtiges Geld zu verdienen. Diese Fähigkeiten sind: schnell und effizient Entscheidungen treffen, strategisches Verständnis, um sich den Gegnern anzupassen, und eine schnelle Hand-Auge-Koordination. Anfangs war ich sehr skeptisch. Ich dachte bei der Gleichung Kreditkarte und Internet kann nur Betrug das Ergebnis sein. Aber nach einer ersten Einzahlung und dem Studieren von Standardstrategien habe ich schnell gemerkt, dass die Gegner mit Disziplin und Studium der Materie leicht zu schlagen sein werden.
Was fasziniert dich am Online-Pokern?
Anfänglich war es der Nervenkitzel durch überlegenes Spiel Geld zu gewinnen. Inzwischen ist der Nervenkitzel der Routine gewichen und es gibt nur noch wenige Momente, in denen ich das Spiel als solches genieße. Für mich ist es inzwischen eher Beruf als Hobby.
Wie viel kann man beim Pokern wirklich gewinnen, wie hoch sind die Chancen?
Wie erst vor Kurzem gesehen, kann man mit viel Glück sehr viel gewinnen. Pius Heinz hat bei dem Weltfinale im Pokern (WSOP Finals in Las Vegas) $8.7 Millionen gewonnen. Das finale Turnier hatte einem Buy-In von10.000 Dollar und eine Teilnehmerzahl von 6.865. Bei einer so großen Anzahl an (guten) Gegnern ist es schieres Glück so ein Turnier zu gewinnen. Um dies mal zu veranschaulichen: In einem Turnier gewinnt derjenige, der es schafft, alle im Spiel befindlichen Chips zu akkumulieren. Nun möchte man natürlich hauptsächlich dann, wenn man sich so sicher wie möglich ist, sein Geld auch als Favorit zu setzen. Man hat gegen eine zufällig ausgewählte Hand aber keine Gewinngarantie, sondern nur eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 85 Prozent. Wenn man somit zehn mal in Folge mit der besten Starthand gegen eine Zufallshand All-In geht, hat man am Ende nur 20%, also 2 aus 10, bzw. einen aus 5 Fällen alle zehn mal gewonnen. Um ein einziges Turnier, das über mehrere Tage geht, zu gewinnen, braucht man also richtig viel Glück! Meine Disziplin ist eine andere. Ich spiele Internet Cash Game (CG). Der Unterschied zu einem Turnier ist, dass man hier um echtes Geld spielt und man auch gewinnt, wenn man nicht alle Chips am Tisch akkumuliert und jederzeit wieder aufstehen kann. Ich öffne mehrere Tische gleichzeitig (12), kaufe mich auf jedem mit dem Maximal-Betrag ein und spiele solange ich mich konzentrieren kann (wenn ich einen guten Tag habe, auch mal fünf Stunden am Stück). Aufgrund der hohen Tischanzahl und der resultierenden Anzahl von Händen, die ich spiele, komme ich auf mehrere Zehntausend gespielter Hände pro Monat. Dies hat nichts mehr mit dem gelegentlichem Zocken im Kasino zu tun, wo man maximal 30 Hände in der Stunde spielt. Ich spiele 1.000 Hände in der Stunde und kann daher auf lange Sicht aufgrund meiner besseren Fähigkeit gewinnen und nicht, weil ich kurzzeitig Glück habe. Gelegentlich passiert es natürlich, dass ich einen richtig schlechten (unglücklichen) Tag oder sogar Monat erwische und mehrere Male mit der besten Hand starte und dennoch verliere. So etwas ist ähnlich einer Rezession in der Wirtschaft. Man muss es einfach durchstehen und nicht den Glauben an seine eigenen Fähigkeiten verlieren. Am Ende eines Jahres hat mein Jahresgraph trotz gelegentlicher Einknicke jedes Mal ein positives Pokerjahr widergespiegelt. Generell heißt es, maximal 10 Prozent aller Teilnehmer am Onlinepoker sind Gewinner. Die anderen 90 Prozent sind die „Fische“, die das System mit stetigen kleinen Einzahlungen am Laufen halten. Das Geld fließt, nachdem sie es abgegeben haben und unter Abzug der Gebühr, die jeder Pokerraum für seine Dienste nimmt, aufwärts und landet bei den Top-Spielern ganz oben. Man kann sich das Ganze am besten als Pyramide vorstellen, wo eine breite Spielerbasis die wenigen % ganz oben speist. Aber wie auch im wirklichen Kasino, ist der einzige sichere und stetige Gewinner das Kasino selbst (Der Programmierer von Pokerstars, der größten Pokerseite im Netz, ist inzwischen Multi-Milliardär).
Wie viel macht beim Pokern Talent, wie viel Erfahrung aus?
Um heutzutage auf den Online-Tischen zu bestehen, ist es mit Talent nicht mehr getan. Es hilft in der eigenen Ausbildung natürlich ein mathematisches Grundverständnis zu haben und analytisch vorgehen zu können. Erfahrung ist sehr wichtig. Sie hilft enorm, den Gegenspieler einzuschätzen und schnell eine optimale Entscheidung zu treffen, da man schon auf x gespielte Hände zurückblicken kann und ein besonderes Gespür entwickelt hat, welche möglichen Karten der Gegner halten könnte und welches die beste Reaktion gegen diese Kombination ist.
Welche Tricks bringen einem beim Pokern weiter?
Tricks als solche gibt es meines Wissens leider keine. Wie auch bei jedem anderen Sport viel Disziplin und Training.
Woran erkennt man, dass jemand blufft?
Wenn man eine Hand als Geschichte betrachtet, und seinen Gegenspieler als den Erzähler, kommt es gelegentlich vor, dass eine bestimmte Stelle der Geschichte nicht mit der Einleitung übereinstimmt. Ein Spieler, der sich in der ersten Setzrunde (preflop) passiv verhält und dann in der dritten Setzrunde, nachdem ein Ass aufgedeckt auf dem Turn aufgedeckt wurde, auf einmal groß setzt, ist schon mal verdächtig. Wieso setzt er stark, wenn er bis eben doch schwach war? Möchte er mich dazu bewegen, meine Hand wegzuwerfen, weil er annimmt, ich hätte Angst vor dem Ass? Erfahrung und Kategorisierung des Gegnertyps helfen bei solchen Entscheidungen.
Wann ist der beste Zeitpunkt, um auszusteigen?
Pius Heinz wird sicherlich nicht noch einmal die WSOP gewinnen. Ansonsten, wenn man merkt, man schlägt die Spiele nicht mehr. Die Onlinepoker-Community wird stetig besser und selbst Fische, also schlechte Spieler, haben inzwischen Zugang zu Pokertheorie und wenden diese auch in der Praxis an. Es wird also zunehmend schwieriger, noch profitabel zu spielen. Ich persönlich habe meine Zukunft nie als Pokerspieler gesehen. Abgesehen von der immer größeren Konkurrenz ist es kein besonders erfüllender Beruf, isoliert viele Stunden vor dem PC zu sitzen.
Wie unterscheidet sich Online-Poker von der Variante am Casino Tisch?
Im Kasino dauert alles viel länger. Durch manuelles Austeilen der Karten kommt man pro Stunde auf maximal 30 Hände. Online kann ich bis zu 24 Tische parallel spielen. Mehr Tische bedeuten mehr gespielte Hände, also mehr Situationen, in denen ich mein Geld als Favorit gegen schlechtere Spieler setze, und somit mehr Profit und weniger Fluktuation meiner Gewinne.
Inwieweit haben beide Varianten mit Mathematik zu tun?
Das Spiel ist dasselbe. Poker als solches ist ein Spiel mit partieller Information. Es gibt also niemals eine richtige Lösung für ein Problem, aber es gibt auf Basis der vorhandenen Information eine optimale Lösung. Und die vorhandenen Informationen setzen sich aus Erfahrung, Gegnertyp, Geschichte mit dem Gegner, Aktionen, die bereits in der Hand vorkamen, und sehr einfacher Standard-Mathematik zusammen.
Online gibt es das berühmte „Poker Face“ nicht – wie funktioniert der Sport im Netz?
Das Pokerface ist im Kasino ein Bestandteil der partiellen Information. Jeder, der schon einmal über Körpersprache gelesen hat, weiß, dass eine mit den Armen verschränkt und vornübergebeugte Person weniger komfortabel ist, als eine, die in nach hinten in den Stuhl gelehnt sitzt. Beim Pokern sind klare Indizien für einen Gelegenheitsspieler z.B. wenn er sich nur mit einem krummen Betrag am Tisch einkauft aus dem Grund, dass er mit seinem gesamten Pokerkapital nur „zocken“ möchte. Auch, wenn er nur an einem Tisch und nicht wie professionelle Spieler an mehreren „lauert“. Auch sind Wutausbrüche im Chat ein Anzeichen für mögliche folgende irrationale Spielzüge.
Wie viel kann man mit Pokern wirklich verdienen – ist Pokern ein kleines Hobby oder ein lukrativer Zeitvertreib?
Dies kommt auf den Spielertyp an. Und ist vergleichbar mit Teilnehmern an der Börse. Es gibt Haie, die Millionen verdienen, und Gelegenheitszocker, denen der Gewinn Nebensache ist, weil sie eine gute Zeit haben möchten und bereit sind, etwas für den Nervenkitzel zu zahlen.
Was sagst du zum Sieg eines Deutschen bei der Poker WM?
Ich bin hocherfreut, dass der Titel an einen Deutschen ging. Pius Heinz ist ein sehr talentierter junger Spieler und hat jetzt die Chance Poker in den Medien positiv zu vertreten. Es ist eben nicht wie noch von vielen Leuten angenommen ein Glücksspiel, bei dem man Haus und Hof verliert, sondern ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem der Beste gewinnt.
Sebastian Heise für SUBWAY Medien / Fotocredit: Dmytro-Pyatkovka (fotolia), frogstyle (fotolia)



