»Viele wollen auf gar keinen Fall gegen eine Frau verlieren« |
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»Viele wollen auf gar keinen Fall gegen eine Frau verlieren«
Jutta Kleinschmidt, Siegerin der Paris-Dakar 2001, im Interview

Kein Stillstand bei Jutta Kleinschmidt: Als erste – und bisher einzige – Frau gewann sie 2001 die traditionsreiche Rallye Paris-Dakar (inzwischen Rallye Dakar), kämpfte sich durch den patriarchalen Motorsport. Heute, 2012, gibt sie Motivationsseminare und hält Vorträge über das Geheimnis ihres Erfolges, zeigt den Menschen Wege und Möglichkeiten auf , ihre Ziele zu erreichen. Vor ihrem Auftritt am 8. Februar im Wolfsburger Wissenschaftsmuseum phaeno unterhielten wir uns mit ihr.
Frau Kleinschmidt, sie waren zwischen 2002 und 2006 bei Volkswagen Motorsport unter Vertrag, lebten in der Nähe von Wolfsburg. Mit welchen Gedanken kommen sie im Zuge ihres Vortrages am 8. Februar wieder zurück?
Genau, dann bin ich wieder dort, wo ich ein paar Jahre verbracht habe, als wir das Rallye-Auto entwickelt haben. Es gibt viele schöne Erinnerungen an die Region.
Welche Bilder kommen Ihnen in den Kopf, wenn Sie sich an dieses Zeit zurückerinnern?
Das war natürlich eine spannende Zeit für mich. Gerade mit dem Hintergrund, dass ich ja eigentlich in meinem ersten Leben Physikingenieurin war und auch in der Autoindustrie gearbeitet habe. Deswegen war es eine tolle und schöne Herausforderung, dieses Team und das Auto aufzubauen.
Wovon konkret wird Ihr Vortrag handeln?
Ich werde erzählen, was ich alles in meiner Karriere erlebt habe. Ich möchte einfach aus meinen ganzen Erlebnissen, anderen Menschen die Möglichkeit geben, den einen oder anderen positiven Punkt herauszuziehen. Ich habe sehr viel mit Teams zusammengearbeitet, habe natürlich auch viele Erfolge und Misserfolge erlebt. Musste mich als Frau behaupten …
Haben es Frauen heutzutage durch Sie jetzt einfacher?
Ja, mit meinem Sieg hat sich einiges geändert. Denn selbst als ich mich damals eingekauft hatte, bekam ich ein abgelegtes Auto. Ich hatte damals, 2001, natürlich Glück, dass das Auto gut genug war und die damals Führenden sich so in die Haare gekriegt haben, dass Beide Zeit verloren und ich nah genug dran war, um mir den ersten Platz schnappen zu können. Erst durch diesen Triumph wurde ich ernst genommen und bekam das Top-Material. Aber selbst dann muss man aufpassen wie ein Fuchs. Denn im Jahr darauf hatte ich zwar ein Top-Auto, allerdings gingen uns die Kardanwellen kaputt und es hieß: „Fahrt doch einfach vorsichtiger!“, Ersatzmaterial haben wir nicht mehr bekommen. Und auf einmal überholt uns ein japanischer Kollege in einem Kamelhügelfeld, das extrem Anspruchsvoll für Fahrzeug ist. Ich bin natürlich sehr vorsichtig da durch gefahren, und er hüpft da herum wie ein Känguru. Da dachte ich mir gleich, dass das nicht gut gehen kann und wir den sowieso gleich wiedersehen. Aber dem war nicht so – und ich gab ordentlich Gas. Und am nächsten Tag war sie kaputt. Also habe ich mal unter die Autos geguckt –und siehe da – ich hatte zwar eine neue Welle drin, aber eben eine mit einem Materialfehler, und der Japaner eine alte, die noch in Ordnung war. Ich fragte nach und erhielt die Antwort, dass sie nur noch zwei gute Wellen hatten und die die Japaner bekommen haben, weil die unbedingt gewinnen sollten. Man muss immer aufpassen! Besonders als Frau. Und die Auseinandersetzung mit Kris Nissen verdeutlicht das auch: Der wollte einfach keine Frau im Team haben. Basta … Ich und die Beifahrerinnen Fabrizia Pons und Tina Thörner wurden regelrecht rausgemobbt. Solche Probleme hat man dann während der ganzen Karriere, das ist kein Einzelfall. Man muss jedes Mal kämpfen, weil Neid entsteht. Dann kommt auch schon mal so ein Fahrer, der auf gar keinen Fall will, dass eine Frau das gleiche Material hat wie er. Viele wollen auf gar keinen Fall gegen eine Frau verlieren. Man muss immer kämpfen.
Welcher Rallye-Fahrerin würden Sie zutrauen, eine ähnliche Karriere hinzulegen?
Schwierig. Beim Motorsport gibt es einige Probleme. Erstens: Er kostet viel Geld. Es ist nicht so einfach an der Basis genügend Unterstützung zu finden, um in den Motorsport einzusteigen. Wenn man das geschafft hat, ist das nächste Problem, dass man in einem gewissen Alter, Mann und/oder Kinder haben möchte und deswegen eventuell aus diesem Beruf aussteigen muss. Wenn man ein Kind bekommt, ist man ja erst einmal ein Jahr vom Motorsport weg – und dann hat ein anderer das Auto. Dazu fangen an der Basis auch viel zu wenig Frauen an. Es hat sich zwar schon verbessert, aber es sind immer noch wenig. Im Moment sehe ich leider keine Frau, die vorne mitfahren könnte.
Was braucht ein/e guter Rennfahrer/in, um erfolgreich zu sein?
Ein guter Rennfahrer, ob Frau oder Mann, muss wirklich bereit sein, alles dafür zu geben. Ich bin damals kaum in Discos gegangen, ich hatte wirklich nur ein Ziel. Man muss dafür hart trainieren und immer bereit sein, an sich zu arbeiten und das macht nicht nur Spaß. Dazu gehört auch das technische Verständnis: Man muss sein Fahrzeug bis zur letzten Schraube kennen, und da hat es mir wahnsinnig geholfen, dass ich auch Physikingenieur bin. Denn wenn man die ganze Fahrphysik versteht, kann man das in sein Fahrstil umsetzen und damit richtig Zeit herausholen. Aber das Wichtigste: So viel fahren wie es nur geht. Ich bin Rundstrecke gefahren, Kart und auch Motorrad. Ich habe jede Situation, in der mir jemand ein Fahrzeug zur Verfügung gestellt hat, genutzt. Ich habe bei BMW damals auch eine Ausbildung zum Auto-Instruktor gemacht. Da habe ich viel in Finnland bei Eis und Schnee gearbeitet, und wenn die Teile noch nicht da waren, bin ich einfach herumgefahren und habe geübt, geübt und geübt. Man hat, um sich zu beweisen, meist nur eine Chance. Man muss die Sponsoren sofort überzeugen. Das ist mir nur gelungen, weil ich schon ziemlich gut Auto fahren konnte. Das Offroad-Fahren konnte ich durch das Motorradfahren sowieso schon gut und Gefühl für die Navigation hatte ich auch. So erreichte ich auf Anhieb den 12. Platz in der Gesamtwertung bei der Dakar. Das war natürlich ein riesiger Erfolg, der mir geholfen hat, neue Gelder zu finden, um mich damit in ein neues Auto einzukaufen. Und da sind wir schon beim nächsten Punkt: Ein Fahrer darf nicht glauben, dass es nur ums Fahren geht. Ich muss heute eine gute PR-Arbeit machen, ich muss schauen, dass die Presse hinter mir steht. Ich kann mich da nicht immer wie ein Depp benehmen und sagen: „Ey, du kriegst kein Autogramm“. Man muss nett mit der Presse und den Sponsoren umgehen. Denn nur so, werde ich weiteres Geld finden, um fahren zu dürfen. Ich glaube, das alles ist sehr wichtig. Man muss sich heute also gut verkaufen können, man muss technisch und fahrerisch sehr gut sein. Dann hat man die Chance, Erfolg zu haben.
Welche zukünftigen Pläne verfolgen Sie?
Ich habe ein paar Ideen, die sich aber noch nicht benennen lassen. Aber ich finde immer irgendetwas, was mich reizt. Man muss einfach mit offenen Augen durchs Leben gehen.
Nils-Andreas Andermark für SUBWAY Medien / Fotocredit: Privat



